https://www.zeit.de Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen Bundeswahlleiter Georg Thiel führe das Bundesamt für Statistik mit einem System aus Angst und Druck. Die Kritik war bekannt – warum machte ihn das Innenministerium dennoch zum Chef? Von Christian Endt 28. Mai 2021, 12:46 Uhr 75 Kommentare Georg Thiel: Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes und Bundeswahlleiter, im April 2019 in Berlin. Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes und Bundeswahlleiter, im April 2019 in Berlin. © Felix Zahn/​photothek.net/​imago images Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Mitarbeiterinnen, die weinend aus Besprechungen gehen. Willkürliche Personalentscheidungen. Führungskräfte, die sich seit Jahren vom Chef gemobbt fühlen, ein "System der Angst". Nein, es geht nicht um ein überambitioniertes Start-up oder eine Investmentbank. Sondern um eine Bundesbehörde im Verantwortungsbereich von Innenminister Horst Seehofer (CSU). Zahlreiche Mitarbeitende des Statistischen Bundesamts erheben schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten der Behörde, Georg Thiel, der zugleich Bundeswahlleiter ist. Seit Thiel 2017 die Leitung übernommen hat, stellt er den Apparat auf den Kopf, startet laufend neue Projekte, baut das Organigramm um, gründet neue Einheiten. An entscheidenden Positionen installierte Thiel Vertraute, die er aus Ämtern mitbrachte, die er zuvor geleitet hatte. Langjährige Führungskräfte soll er kaltgestellt haben. Vor allem aber übe Thiel einen solchen Druck auf die Mitarbeiter aus, dass viele darunter zusammenbrechen. Frauen wie Männer seien während oder nach Besprechungen in Tränen ausgebrochen, das beschreiben zahlreiche Quellen übereinstimmend. Mehrere Mitarbeiter hätten sich wegen Burn-out krankschreiben lassen. Die Vorwürfe sind auch deshalb brisant, weil sie so ähnlich in jeder Behörde erhoben wurden, in der Thiel bislang tätig war. Mal mehr, mal weniger öffentlich. Eines haben alle diese Stationen Thiels gemeinsam: Sie gehören jeweils zum Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums. Dort sind die Vorwürfe gegen Thiel seit vielen Jahren aktenkundig. Trotzdem übertrug man ihm 2017 die Leitung des Statischen Bundesamts mit 2.400 Mitarbeitern. "Georg Thiel hätte nie wieder Behördenleiter werden dürfen", sagte ein langjähriger Spitzenmann aus dem Innenministerium zu ZEIT ONLINE. Eine weitere Person, die mit den Personalangelegenheiten des Ministeriums gut vertraut ist, nennt Thiels Ernennung zum Amtschef "einen Skandal". Arbeitsaufträge kommen nachts und am Wochenende Leute im Statistischen Bundesamt sprechen von den "Methoden eines Diktators", viele würden mit Angst ins Büro gehen. Wer den Ansprüchen nicht gerecht werde oder Widerworte gebe, bekomme den Zorn des Chefs zu spüren. Eine Führungskraft spricht von morgendlichen Magenschmerzen. Es gebe ein Dauerfeuer aus Arbeitsaufträgen, spätabends, nachts, am Wochenende und an Feiertagen, per E-Mail, Anruf, WhatsApp. "Ich bekam am Freitagabend gegen 20 Uhr einen Anruf vom Präsidenten", sagt eine Führungskraft. "Mit dem Auftrag, ihm bis Montagmorgen ein Konzept vorzulegen." Christian Endt Christian Endt Senior Data Journalist bei ZEIT ONLINE zur Autorenseite "Andauernder Stress macht krank", schrieb der Personalrat des Amts vor wenigen Tagen in einer Mail an alle Beschäftigten, die ZEIT ONLINE vorliegt. Die Fluktuation habe spürbar zugenommen. "Es entsteht mancherorts der Eindruck: Wer kann, verlässt das Haus." Als ZEIT ONLINE Georg Thiel auf die Vorwürfe aus seinem Haus ansprach, verwies der Behördenleiter an die Pressestelle des Statistischen Bundesamts. Diese dementierte die Vorwürfe nicht. Ein Sprecher antwortete lediglich, man äußere sich nicht zu internen Angelegenheiten. Im Februar hatte das Statistikamt eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin heißt es: "Selbstkritisch muss die Amtsleitung eingestehen, dass es in den vergangenen Monaten unter hoher Belastung zu Abstimmungsproblemen gekommen ist und Aufträge teilweise unklar oder überschneidend erteilt wurden." Kritisch hinterfragt werde auch, ob die "Prozessgeschwindigkeit" dazu beigetragen habe, dass "an einigen Stellen" Belastungen und Abstimmungsschwierigkeiten entstanden seien. "Die Amtsleitung arbeitet daran, diese Mängel zu erkennen und abzustellen." Die Behörde hat diese Mitteilung inzwischen offline genommen. Stefan Aust: "Ich habe niemanden geschont" Stefan Aust war "Spiegel"-Chefredakteur und schrieb Bestseller, etwa über die RAF. Nun bringt er seine Memoiren heraus. Hier spricht er über seine Kämpfe gegen "Moralisten", seine Skepsis gegenüber Klimaforschern – und darüber, warum ihn seine Pferdeliebe gerettet hat. Interview: Cathrin Gilbert und Stefan Schirmer 26. Mai 2021 DIE ZEIT Nr. 22/2021, 27. Mai 2021 229 Kommentare Exklusiv für Abonnenten Artikel hören Stefan Aust: Stefan Aust, 74, wurde von Roman Pawlowski in der Reithalle auf seinem Anwesen im Alten Land fotografiert. Stefan Aust, 74, wurde von Roman Pawlowski in der Reithalle auf seinem Anwesen im Alten Land fotografiert. © Roman Pawlowski für DIE ZEIT DIE ZEIT: Herr Aust, Ihre Frau soll einmal bei einer Festrede hier auf dem Gestüt gesagt haben, dass Sie Ihre Pferde mehr lieben als sie. Testbetreiber: Vergütung von Corona-Tests offenbar anfällig für großangelegten Betrug Die Abrechnung der Testzentren mit den Behörden wird kaum kontrolliert. Recherchen zeigen: Die Betreiber können das System auf Kosten der Steuerzahler ausnutzen. 28. Mai 2021, 10:30 Uhr Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, msk 98 Kommentare Artikel hören Testbetreiber: Wie viel wird getestet – und wie viel dann mit dem Staat abgerechnet? Die derzeitige Regelung bietet offenbar viele Schlupflöcher für einfachste Abrechnungstricks. Wie viel wird getestet – und wie viel dann mit dem Staat abgerechnet? Die derzeitige Regelung bietet offenbar viele Schlupflöcher für einfachste Abrechnungstricks. © Nicolas Armer/​dpa Die Vergütung kostenloser Corona-Teste für alle Bürgerinnen und Bürger kann zu Betrug führen. Dies ergeben Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Demnach besteht der Verdacht, dass in vielen Testzentren sehr viel mehr Tests abgerechnet werden, als sie tatsächlich durchgeführt wurden. Eine staatliche Kontrolle fehlt weitestgehend. Die Folge: hohe und unzulässige Kosten für den Steuerzahler. Derzeit ist die Voraussetzung für das Anbieten kostenloser Bürgertests gering. An vielen Orten reicht ein Onlinekurs über die Abstrichentnahme – und ein jeder kann ein solches Testzentrum eröffnen. Voraussetzung ist ein Antrag zu einer solchen Eröffnung beim zuständigen Gesundheitsamt, was meist ohne Komplikationen genehmigt wird. Mehr zum Thema: Das Geschäft mit Testzentren Corona-Testzentren: Eine goldene Nase getestet Pro Bürgertest bekommen die Zentren eine Vergütung von 18 Euro – zwölf Euro für die Durchführung des Tests, sechs Euro für das verwendete Material. Bezahlt wird dies zunächst von den Kassenärztlichen Vereinigungen, die die Kosten durch das Bundesamt für Soziale Sicherung aus Steuermitteln erstattet bekommen. Nach Angaben des Rechercheverbunds haben die staatlichen Stellen offenbar keine Kontrolle darüber, ob die angegebenen Tests auch tatsächlich durchgeführt wurden. Die Betreiberinnen und Betreiber der Testzentren müssen demnach weder die Daten der Getesteten übermitteln noch angeben, ob sie überhaupt Testkits erworben haben. Es genüge schon, wenn sie den jeweiligen Krankenkassen die Zahl der Getesteten ohne jeglichen Beleg übermitteln. Geregelt ist dies demnach in Paragraf 7, Absatz 4 der Testverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, wo es heißt: "Die zu übermittelnden Angaben dürfen keinen Bezug zu der getesteten Person aufweisen." Mehr Tests übermittelt als eigentlich durchgeführt? Die Recherchen konzentrieren sich dabei auf die Lage in Nordrhein-Westfalen, wo es mittlerweile 8.735 Testzentren gibt – Mitte April waren es noch 5.776, im März 1.862. Die Journalisten besuchten mehrere Testzentren und verglichen die dortigen Abläufe mit einer internen Datenbank des Landes. Dabei zählten sie weniger Besucherinnen und Besucher als durchgeführte Tests, die anschließend an das Land übermittelt wurden. "Rap über Hass": Biest bleibt Biest, Boys bleiben Boys "20 Jahre Fick-deine-Mutter-Rap": Auf ihrem sechsten Album feiern K.I.Z. die Kunst der Beleidigung und die Notwendigkeit der Abgrenzung. Ob's wohl noch schockt? Eine Rezension von Daniel Gerhardt 28. Mai 2021, 10:05 Uhr 30 Kommentare "Rap über Hass": Selbstbespiegelung ist ja immer der beste Weg zur, okay, nein: Erkenntnis. Die Drei von K.I.Z. Selbstbespiegelung ist ja immer der beste Weg zur, okay, nein: Erkenntnis. Die Drei von K.I.Z. © Jens Koch Sie tun zwar manchmal so, aber natürlich hassen K.I.Z. nicht alles und jeden. Rap über Hass heißt das neue Album der Berliner Musiker, und mindestens eine Liebeserklärung ist darauf auch enthalten. Sie erklingt nicht explizit, sondern als Rap-informiertes Sounddetail, das in die späten Neunzigerjahre zurückweist. Intergalactic hieß damals ein Song der Beastie Boys, dessen lautmalerischer Refrain sich ebenso ins popkulturelle Gedächtnis eingebrannt hat wie das zugehörige Video, das Riesenroboter und -monster aus Pappmaché im Clinch zeigt. K.I.Z. nun zitieren Melodie und Vocodereffekt dieses Refrains in einem Stück namens Unterfickt und geistig behindert. Wie schön, dass sie wieder da sind. Vordergründig betrachtet ist der Verweis auf die Beastie Boys beinahe unausweichlich. Drei Rapper und Persönlichkeiten, die ihre Texte in den unterschiedlichsten Tonarten vortragen, mit Provokation und Grenzüberschreitung kokettieren, das Haltbarkeitsdatum jeder Pubertät dramatisch überschreiten und im Grunde ihres Herzens doch ganz harmlose Jungs bleiben: Das könnte man über die Band aus New York ebenso sagen wie über K.I.Z. Das Video zu Intergalactic endet in allumfassendem Chaos, wie es beide Gruppen gerne heraufbeschwören. Monster, Maschine und der Schauplatz ihres Kampfes liegen in Schutt und Asche. Die Beastie Boys befinden sich in der Schaltzentrale des Roboters und prügeln ebenfalls aufeinander ein. "Rap über Hass": Die Herren im Interview K.I.Z. • Das Beste aus Z+: "Ich finde selber grauenhaft, was wir rappen!" Ein Ort für das Chaos ist auch Rap über Hass wieder, das sechste K.I.Z.-Album, der Nachfolger ihres sechs Jahre zurückliegenden Nummer-eins-Durchbruchs Hurra die Welt geht unter. Damals war einiges anders. Tarek Ebéné, Nico Seyfried und Maxim Drüner rappten nicht mehr nur über ironische, sondern auch über biografische Brüche. Sie klemmten sich manche Punchline und ließen sogar den Sänger von Annenmaykantereit unversehrt mitsingen. K.I.Z. waren weiterhin weit davon entfernt, ihr Kerngeschäft zu vernachlässigen. Es stand aber doch weniger im Fokus als auf Rap über Hass, das den Titel eines potenziellen Best-of-Albums mit den Songs einer programmtechnischen Rückbesinnung verbindet. Niemand soll sich diesmal ungefickt fühlen, keine Mutter und kein Gegner, alle werden noch einmal mit der alten Konsequenz rangenommen. Zum Auftakt von Rap über Hass erklingt eine Bundestagsrede und Steilvorlage des AfD-Politikers Bernd Baumann, der sich über die Teilnahme von K.I.Z. am Chemnitzer #wirsindmehr-Konzert im Jahr 2018 und die Besuchsempfehlung beklagt, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu aussprach. Mit immerhin musikjournalistischer Versiertheit ordnet der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Bundestag die Gruppe als gewaltverherrlichend, deutsch- und christenfeindlich ein. Die Messlatte für Rap über Hass ist damit gelegt. Nun sind es Fragen des Blickwinkels, ob K.I.Z. diese Messlatte problemlos überspringen oder mit dem Arsch einreißen – und was eigentlich besser wäre. Ihr neues Album jedenfalls enthält Zeilen über Sodomie und Pädophilie, Selbst- und Fremdverstümmelung sowie Partyberichte, die meistens in Wodka-Orgien, Schlägereien oder beidem eskalieren. Das ganze Bouquet der bösen Geschichten also, der passende Schockeffekt für jeden Connaisseur und erst recht für die Kontrafraktion. Wie frauenfeindlich und antisemitisch der "Dreck" diesmal ist? So sehr, rappt Maxim im Titelstück von Rap über Hass, dass "Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt". Podcastfestival HIER KOSTENLOS ANMELDEN Seien Sie live online dabei, wenn unsere Podcasts entstehen, und treffen Sie Ihre Lieblingshosts zum ersten ZEIT ONLINE Podcastfestival am Sonntag, 20. Juni 2021. Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis. Um an dieser Stelle einmal die beliebte Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu zitieren: "Die sozialkritischen und selbstironischen Elemente" bleiben dabei "so deutlich erkennbar, dass nicht von einer verrohenden Wirkung auszugehen" ist. So urteilte das Zwölfergremium der Behörde schon 2015 über das K.I.Z.-Mixtape Ganz oben, und so würde es wohl auch über Rap über Hass urteilen, wenn eine Auseinandersetzung denn noch nötig wäre. Will man K.I.Z. also ans Bein pinkeln – oder, wie sie selbst rappen: in den kopflosen Rumpf scheißen –, muss man nicht fragen, warum die das alles machen. Sondern warum sie nicht auch mal was anderes machen. Die Beastie Boys haben sich in späteren Karrierejahren von den misogynen Texten ihrer Frühphase distanziert. Vor allem aber blieben sie musikalisch ungreifbar. Das Chaos, das sie heraufbeschworen, ergab sich daraus, dass man niemals wissen konnte, was sie als Nächstes tun würden. K.I.Z. hingegen servieren nicht nur Köpfe, sondern auch Ideen auf dem Silbertablett. Ihr Chaos bleibt berechenbar, egal ob sie in Bitte sag's nicht meiner Freundin einen Rap-Sommerhit über verkorkste Männlichkeit anstimmen oder mit Filmriss eine Art Deichkind-gone-wrong-Szenario erforschen. Dem eigenen Anspruch, auf kreative und progressive Weise zu beleidigen, werden K.I.Z. auf ihrem neuen Album damit nur phasenweise gerecht. Es gibt übrigens nicht nur schmutzige Worte auf Rap über Hass, sondern eben auch Musik, überwiegend komponiert von Nico und dem Münchener Produktionsduo Drunken Masters. Wie schon in den Texten geht es dabei ebenfalls um Verdichtung: Trap-Beats und betont billige Synthesizer streben gleichzeitig in den Club und die kalifornischen Kinderzimmer, aus denen das Krawallkollektiv Odd Future einst zur Rap-Welteroberung aufbrach. Einmal gibt es Marimba-Training für die Rumpfmuskulatur und fast immer Refrains, die man im falschen Moment nur laut und schief genug mitsingen muss, um sich Platzverweise, Hausverbote oder Schulwechsel einzuhandeln. Früher war es einfacher, die Genreübungen auf K.I.Z.-Alben von den Genreparodien zu unterscheiden, auch weil die Gruppe schon einmal verspielter klang als auf Rap über Hass. Ihre mit Abstand kürzeste Platte ist nun auch ihre zweckmäßigste: Wer gehofft oder befürchtet hatte, dass K.I.Z die musikalische und textliche Verletzlichkeit des letztjährigen Soloalbums von Tarek weiterverfolgen würden, wird deshalb enttäuscht oder erfreut sein. Wie gesagt: Hängt vom Blickwinkel ab. Die Konzentration auf alte Feindbilder zwischen Nazis und hysterischem Bürgertum bleibt konsequent und wichtig. Das Beharren auf alten Sprachbildern nimmt Rap über Hass jedoch einen Teil seiner Wucht. "Rap über Hass" von K.I.Z ist erschienen bei Vertigo Berlin/Universal. Seitennavigation Startseite